Druckansicht - Thursday 30. October 2014

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Zulehner: "Zeit des Resolutionismus ist vorbei"

 

Wiener Pastoraltheologe: Kirchenreformpapiere wie das jüngste Theologen-Memorandum "bringen nichts" - Linzer Dogmatiker Gruber sieht Unterzeichnung als Ausdruck von Sorge über drohende "Erosion" der Kirche

 

Wien, 08.02.11 (KAP) Sind Kirchenreformen durch Forderungskataloge und Resolutionen erreichbar? In dieser Frage scheiden sich vor dem Hintergrund des in der Vorwoche veröffentlichten Memorandums "Kirche 2011 - ein notwendiger Aufbruch" deutschsprachiger Theologieprofessoren und -professorinnen auch in Österreich die Geister. "Die Zeit des Resolutionismus ist vorbei", Reformpapiere wie das Memorandum "bringen nichts", sagte der Wiener Pastoraltheologe em.Prof. Paul Michael Zulehner am Dienstag gegenüber "Kathpress". Der Linzer Dogmatiker Franz Gruber dagegen sieht als einer der Unterzeichner den von Deutschland ausgegangenen Text als Ausdruck von Sorge über eine drohende "Erosion" der Kirche.

 

Derzeit haben 208 Theologielehrende aus Deutschland, der Schweiz und Österreich das Memorandum unterschrieben. Darunter sind aus Österreich Heinrich Schmidinger (Rektor der Universität Salzburg), Martin Jäggle (Dekan der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät), Johann Pock (Wiener Ordinarius für Pastoraltheologie), der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann und der Innsbrucker Sozialethiker Wolfgang Palaver.

 

Im Memorandum aufgelisteten Forderungen nach einer Neudefinition kirchlicher Ämter, Mitbestimmung der Gläubigen und Respekt vor der Gewissensfreiheit in Bezug auf Lebensformen könne er - Zulehner - vieles abgewinnen. Doch die Methode halte er nicht für zielführend, sagte er. Tatsächliche Veränderungen in der Kirche seien nur durch Koalitionen von Bischöfen und durch das lehramtliche Nachvollziehen von in der seelsorglichen Praxis bereits vollzogenen Reformen möglich.

 

Zulehner verwies hier auf die Integration von wiederverheirateten Geschiedenen in das sakramentale Leben. Die Bischöfe seien gut beraten, Reformanliegen und -schritte an der Basis nicht unbegleitet und unkontrolliert sich selbst zu überlassen. Ansonsten drohe die Kirchenleitung vom konkreten Leben der Pfarrgemeinden immer mehr "abgespalten" zu werden, verwies der Wiener Theologe auf entsprechende Erkenntnisse seiner "Pfarrer-Studie" aus dem Vorjahr.

 

Prof. Zulehner äußerte im "Kathpress"-Interview die Einschätzung, dass im Vatikan Reformresolutionen "als Zeichen der Krise und nicht als deren Lösung" betrachtet würden. Europa werde in Rom als vom Relativismus angekränkelte Weltregion gesehen, in der die "liberale" Kirche zum Absterben verurteilt sei.

 

"Nicht als Brüskierung gemeint"

 

Der Linzer Dogmatiker Gruber hat laut eigenen Worten das Memorandum deswegen unterzeichnet, weil er es für falsch halte, angesichts der aktuellen Kirchenkrise "durchtauchen" zu wollen. Die Krise müsse vielmehr als Anstoß genutzt werden, immer wieder vorgebrachte Reformanliegen in Angriff zu nehmen, meinte Gruber am Dienstag gegenüber "Kathpress". Sein Kollege Zulehner könne durchaus damit Recht haben, dass das Memorandum "kirchenpolitisch unwirksam" bleibt; mit "Verstummen" oder gar der im Memorandum angesprochenen "Grabesruhe" wäre jedoch auch nichts gewonnen.

 

Angesichts der hohen Austrittszahlen müsse die Kirche rasch handeln, so der Linzer Theologe. Der Priestermangel bringe viele Gemeinden unter Druck, bei Ausbleiben von Änderungen bei den Zulassungsbedingungen zum kirchlichen Amt drohten weitere Einbrüche bei derzeit noch intakten Strukturen am Ort.

 

Dem Gegenargument, Reformen seien nur im Einklang mit der Weltkirche möglich, hält Gruber entgegen, dass manche Formen kirchlichen Lebens durchaus regional unterschiedlich lösbar wären, ohne die "katholische Identität" zu untergraben. Die Kirche des 21. Jahrhunderts werde pluraler sein müssen; diese Vielfalt gut zu "managen" stelle freilich hohe Ansprüche an die Kirchenleitung.

 

Aus der Unterzeichnung des Memorandums befürchtet Gruber keine beruflichen Nachteile. Dies würde kein gutes Licht auf die Meinungsfreiheit und auf den Umgang "mit der ehrlichen Sorge um die Kirche" werfen. Das Memorandum sei in keinem "negativen Ton" gehalten und sicher nicht als "Brüskierung" gemeint, greife es doch Anliegen breiter Kirchenkreise und auch mancher Bischöfe auf. "Ich hoffe, dass unser Appell gehört wird", schloss Gruber. 

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