Druckansicht - Wednesday 23. July 2014

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Haben deutsche Theologen die Gottesfrage vergessen?

 

Die aktuelle Kirchendebatte in Deutschland im Spiegel der Presse: Die Kontrahenden sind sich nur in dem einig, dass die Kirche in einer Krise ist

 

01.03.11 (KAP-ID) Mit einem Beitrag für die "Welt am Sonntag" hat der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, in die "Reformdebatte" in der katholischen Kirche in Deutschland eingegriffen, ausgelöst durch die von führenden CDU-Politikern angestoßene Auseinandersetzung um den Priesterzölibat und das "Memorandum" von inzwischen mehr als 260 deutschsprachigen Theologen.

 

"Diese Diskussionen zu fürchten, besteht kein Grund. Es gibt allerdings dringenden Anlass für die Frage, ob in der notwendigen Auseinandersetzung über die künftige Gestalt der Kirche die zentralen Probleme in ihrer Tiefe begriffen werden und die Grundperspektive für eine Erneuerung der Kirche ausreichend bedacht wird. Letztlich muss es darum gehen, wie die Frage nach Gott in unserer Gesellschaft wachgehalten und die christliche Antwort überzeugend formuliert und vor allem gelebt werden kann. Reformvorschläge ebenso wie das Beharren auf einer bestimmten Praxis sind danach zu beurteilen, ob sie dieser Perspektive gerecht werden", schrieb Zollitsch.

 

"Mag jemand im Ernst glauben, dass die Verwirklichung der hier aufgelisteten Reformforderungen zur erwünschten Blüte von Glauben und Kirche führt?", fragte er und fuhr fort: "Dabei gehen auch wir Bischöfe von der Überzeugung aus, dass Änderungen des kirchlichen Lebens und der Strukturen möglich und sehr wohl nötig sind. Es hat in der jüngeren Vergangenheit manche Änderungen gegeben, darunter auch tiefgreifende. Bequem sind sie meist nicht, und manchmal erweisen sie sich auch als wenig hilfreich. Es ist deshalb eine Karikatur der tatsächlichen Verhältnisse, wenn dem Episkopat generelle Reformresistenz und Angststarre angesichts der anstehenden Herausforderungen vorgehalten werden." Die deutschen Bischöfe wollten dazu in ihrer Frühjahrsvollversammlung im März Vorschläge erarbeiten.

 

Einig sind sich die Kontrahenten nur in einem Punkt: Die katholische Kirche befindet sich in der Krise. Worin diese besteht und wie Abhilfe aussehen könnte, dazu gehen die Meinungen völlig auseinander.

 

"Gräben vertieft"

 

In den Medienkommentaren fanden die Vorgänge ebenfalls eine sehr unterschiedliche Bewertung. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb: "Nirgendwo wird der kognitive Graben, der die katholische Kirche durchzieht, deutlicher als bei der Zölibatsdebatte. Kognitive Gräben, verschiedene Wahrnehmungen und Deutungen lassen sich durch Dialog überwinden; entsprechend haben die deutschen Bischöfe mit einigem Pathos diesen Dialog angekündigt. Nur werden sie ihn in der Zölibatsdebatte so wenig offen führen können wie in der Frage, ob Frauen Priesterin oder Diakonin werden können, ob mehr Demokratie in die katholische Kirche einziehen soll - und wo und wie. Es wäre unehrlich, wenn sie diesen Dialog offen nennen würden, das Ergebnis ist schon festgelegt von der Kurie in Rom."

 

Weiter meinte die Zeitung: "So werden die Gräben bleiben, werden die Konservativen das Verlorengehende beklagen, ohne es neu beleben zu können, werden die Reformer in weiteren Memoranden vergebens das irgendwie Neue fordern. Und so wird die Glaubens- und Glaubwürdigkeitskrise der katholischen Kirche in Deutschland weitergehen, auch 2011, eher dürfte sich der Graben zwischen den Lagern vertiefen, das zeigt der Ton der Zölibatsdebatte." Die katholische Kirche "könnte tatsächlich in angestrengter Selbstbeschäftigung die Gottesfrage vergessen", jene drängende Frage nach Sinn und Ziel des Lebens, "um derentwillen auch weniger fromme Menschen sich eine beunruhigend glaubensstarke Kirche wünschen sollten".

 

Die "Frankfurter Rundschau" schrieb über die Reformdebatte, der Reformappell katholischer Theologieprofessoren ziehe Kreise. Nach der Übernahme durch die Basisbewegung "Wir sind Kirche" stellten sich auch Teile des Freiburger Klerus hinter den Aufruf. "Die Aktion ist insofern brisant, als der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist", so der Kommentar. Inzwischen stehe etwa die Hälfte der Professoren an deutschen katholischen Fakultäten hinter dem Memorandum.

 

Die "Badische Zeitung" kommentiert: "Die Reaktion auf das Theologen-Memorandum zeigt: Der von den katholischen Bischöfen angestoßene Dialogprozess wird sich nicht nur um einzelne Sachthemen drehen. Er wird auch ein Ringen um Kultur und Selbstverständnis dieser Kirche." Den Professoren gehe es darum, die Kirche am Evangelium zu messen. Während die Bischöfe in einer ersten Reaktion immerhin Offenheit suggerierten, "hat die konservative Basis dazu offenbar keine Lust". Es sei legitim und wünschenswert, dass in einem Dialog auch die Konservativen ihren Standpunkt vertreten. "Allerdings sollten sie das mit Argumenten tun, die auf die Sache eingehen. Sie sollten von der Bibel her begründen, wenn sie als Christen überzeugen wollen. Der Versuch, Andersdenkenden das Recht auf Änderungs- und Gestaltungswünsche abzusprechen, zeugt nicht von Gottvertrauen, sondern von Angst und einem Mangel an Argumenten", meinte die Zeitung.

 

Kritik an Karl Rahner

 

Die Würzburger "Tagespost" zählt zu den Publikationen, die sich am kritischsten mit der Denkschrift der Denkschrift auseinandersetzen. Die Redaktion wertet das Reformpapier nicht als Schritt zur Lösung, sondern als Krisensymptom. Das Blatt lässt vorzugsweise Theologen zu Wort kommen, die sich dem Memorandum ihrer Kollegen bewusst nicht angeschlossen haben. In der Ausgabe vom 19. Februar analysiert der Publizist Alexander Kissler ("Der Etikettenschwindel"), dass es sich bei den Unterzeichnern vor allem um Pensionäre, Emeriti handle, sowie um Religionspädagogen und Pastoraltheologen. "Das deutliche Übergewicht der Pädagogen", resümiert der Autor, "lässt die Kritik Benedikts XVI. am erschütternd folgenlosen Religionsunterricht in Deutschland in neuem Licht erscheinen".

 

Mit noch drastischeren Worten konstatierte Guido Horst in derselben Zeitung am 15. Februar einen allgemeinen Niedergang der deutschen Universitätstheologie. Unter der Überschrift "Wenn das Säurebad der Theologie den Glauben wegfrisst" lastet der Journalist dem Jesuiten Karl Rahner und dessen Schüler die Verantwortung für die derzeitige Malaise an. Rahner und Nachfolger hätten zentrale Glaubensinhalte relativiert, von der Inkarnationslehre bis zur Auferstehung Jesu. "Und wenn Gott nicht Mensch geworden ist, wenn Petrus von Jesus nicht Vollmacht erhalten hat, und wenn sich die Päpste nicht mehr auf diese Petrus gegebene Vollmacht berufen können, dann kann man wirklich Memoranden schreiben und Dinge zum soundsovielten Male zur Diskussion stellen, die von den Päpsten und den Bischöfen in den eben erst zurückliegenden Jahrzehnten klar entschieden worden sind."

 

"Unfaire Debattenkultur"

 

Der Leiter des Karl-Rahner-Archivs in München, P. Andreas Batlogg SJ, weist diese Angriffe von Horst auf seinen 1984 verstorbenen Ordensbruder als "absurd" zurück. Die Debatte zeige vielmehr, dass derzeit von der Kirchenoberen "der rechte Rand sehr gepflegt wird, dass aber alles, was von Mitte-Links an kritischen Fragen kommt, sofort polemisch abgetan wird", meinte der Chefredakteur der "Stimmen der Zeit" im Bayerischen Rundfunk. Den Kritikern gleich den Glauben abzusprechen, sei unfair und entspreche nicht der Kirche Jesu. Die Professoren seien "keine theologischen Gartenzwerge", die auf Stammtischniveau sprächen. Sie verdienten Gehör.

 

Einer von ihnen, der Münchner Philosoph und Theologe Richard Heinzmann, auch ein Emeritus, sieht die Kirche in einer Systemkrise. Das Christentum müsse aus seiner Selbstentfremdung befreit werden, meinte er. So habe der Einfluss römischen Rechtsdenkens die ursprüngliche christliche "Liebesgemeinschaft" in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Klerikern und Laien auseinanderdriften lassen. So habe ein "dualistischer Neuplatonismus" letztlich eine Engführung der katholischen Sexualmoral bewirkt. Heinzmann ist Stiftungsratsvorsitzender der renommierten Eugen-Biser-Stiftung. Diese wird sich bis Dezember in mehreren Veranstaltungen in München der aktuellen Kirchenkrise und möglichen Auswegen widmen.

 

"In Rom kaum verfolgt"

 

Jörg Bremer konstatierte in einem Beitrag für die "FAZ", nur am Rande werde im Zentrum der Weltkirche die deutsche Debatte über die Zölibatsverpflichtung für Diözesanpriester verfolgt. Dabei herrsche Übereinstimmung, dass der Aufruf katholischer Politiker oder die Forderung der katholischen Theologen nach Abschaffung des Zölibats und die Öffnung kirchlicher Ämter für Frauen keine Hilfe für die Kirche, ihre Einheit und den Glauben sein würden.

 

"Die Kurie will sich nicht mit dem Zölibat befassen. Das hängt schon damit zusammen, dass immer weniger Kurienmitarbeiter Deutsch lesen und verstehen. Über die Kirche wacht ein deutscher Papst, aber es gibt in Gestalt von Bischof Josef Clemens, dem Sekretär des Päpstlichen Laienrates, nur noch einen höheren Geistlichen in leitender Funktion in der Kurie", so Bremer.

 

Benedikt XVI. habe sich seit dem neuerlichen Ausbruch der Debatte, "die in regelmäßigen Schüben seit dem 19. Jahrhundert geführt wird", nur indirekt zu Wort gemeldet. So meinte der Papst kürzlich während der Weihe von fünf Bischöfen: "Gerade jetzt empfinden wir die Wahrheit von Jesu Wort besonders schmerzlich: 'Der Arbeiter sind wenige.' Zugleich lässt der Herr uns wissen, dass wir nicht einfach selbst Arbeiter zu seiner Ernte bestellen können. Dass dies nicht eine Frage des Managements, unserer eigenen Organisationsfähigkeit ist. Die Arbeiter für sein Erntefeld kann nur Gott selbst schicken." Demnach lasse sich Priestermangel nicht durch die Abschaffung des Zölibats wegorganisieren.

 

Vor der Priesterbruderschaft des heiligen Karl Borromäus sagte der Papst, das Priestertum müsse sich ständig erneuern und auf das Vorbild Jesu besinnen. "Er forderte gründliche Erziehung und Ausbildung zu Gebet und Meditation und würdigte das Leben in priesterlichen Gemeinschaften, so wie es die Apostel taten; vom Zölibat sprach er nicht", hieß es in der "FAZ".

 

Ratzinger forderte "ergebnisoffene" Prüfung

 

Joseph Ratzinger habe im Februar 1970 gemeinsam mit seinen Professorenkollegen Kasper, Rahner und Lehmann als Berater der "Kommission für Fragen des Glaubens und der Sittenlehre der Deutschen Bischofskonferenz" ein "Memorandum zur Zölibatsdiskussion" unterzeichnet und die "Notwendigkeit einer eindringlichen Überprüfung und differenzierten Betrachtung des Zölibatsgesetzes der lateinischen Kirche" betont. Die Theologen hätten - so Bremer - eine ergebnisoffene Überprüfung gefordert, denn sie hatten oder wollten sich "nicht zu einer gemeinsamen Absicht darüber" verständigen, "was sie über die Sachfrage im Einzelnen meinen". Ohne dies zu lesen, wurde jetzt so getan, als habe sich Ratzinger damals als Gegner des Zölibats erwiesen.

 

Tatsächlich habe sich Ratzinger schon bald nach seiner Weihe zum Erzbischof von München und Freising in der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" im September 1977 geäußert: "Wenn der Zölibat der Weltpriester nicht eine gemeinschaftliche kirchliche Form ist, sondern eine private Entscheidung, dann verliert er seinen wesentlichen theologischen Gehalt und seine entscheidende persönliche Fundierung, denn dann hört er auf, ein von der Kirche getragenes Zeichen zu sein und wird zur privaten Absonderlichkeit. Dann ist er nicht mehr zeichenhafter Verzicht um des im Glauben übernommenen Dienstes willen, sondern Eigenbrötlerei, die deshalb mit gutem Grund verschwindet." Diese Äußerung, auch wenn sie Jahrzehnte alt ist, decke sich - so Bremer - mit den jüngeren Aussagen des Papstes.

 

Vor dem Hintergrund eindeutiger Positionen der Weltkirche sei der Spielraum der deutschen Bischöfe zur Veränderung der Zölibatsgesetze denkbar gering, so die "FAZ". Nur in Westeuropa gebe es diese Debatte, heiße es in Rom; nicht einmal in Italien oder Spanien. In Nordamerika, wo die priesterliche Lebensform wegen der Pädophilieskandale früh in die Kritik geraten sei, werde heute über Priestermangel und Zölibat kaum mehr gesprochen. In Afrika oder Fernost, wo das Verständnis für das Sakrale und den Kult größer sei, sei der Zölibat selten ein Thema.

 

"Deutsche Theologie provinziell"

 

Bremer: "Das westlich-säkulare Denken habe offenbar keinen Platz für den ehelos lebenden Priester, heißt es im Einheitsrat in Rom. Da müsse sich in Deutschland etwas an der religiösen Erziehung ändern." Die Erstkommunion junger Katholiken dürfe keine "Schnellbleiche" sein. Der Weg bis zu dieser Feier sollte sich, wie in Italien, über drei Jahre hinziehen und die Eltern einschließen. Theologie müsse wieder Teil des alltäglichen Lebens werden und Freude bringen.

 

"Die deutsche Theologie gilt in Rom mittlerweile als ziemlich provinziell; einerseits überreflektiert und andererseits lebensfremd. Auch die geistigen Strömungen in Amerika und andernorts würden zu wenig zur Kenntnis genommen. Nun habe sich die deutsche Theologie weiter geschadet", zitiert Bremer nicht näher genannte "römische Stimmen".


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