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Graz-Brüssel, 28.10.12 (KAP) Die Bischöfe begleiten die Entwicklung Europas und der Europäischen Union mit kritischer Solidarität und werden dies auch in Zukunft tun: Das hat der Grazer Bischof Egon Kapellari im Vorfeld der Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz in Brüssel im "Kathpress"-Gespräch betont. Dass sich Europa derzeit in einer Krise befinde, die weit über Wirtschafts- und Finanzfragen hinausgeht, sei evident. Die Suche nach Lösungen der gegenwärtigen Krise könne nur gelingen, wenn es dabei auch um ethische und zumal auch um religiös inspirierte Werte gehe.
Bischof Kapellari ist in der Österreichischen Bischofskonferenz für Europafragen zuständig und Vertreter Österreichs in der "ComECE", der Kommission der EU-Bischofskonferenzen, die ihren Sitz in Brüssel hat.
Vom Besuch der Bischöfe in Brüssel erwartet sich Bischof Kapellari ein tieferes wechselseitiges Verstehen aufgrund persönlicher Gespräche auf Augenhöhe. Es wäre schon viel gewonnen, wenn der Besuch der Bischöfe Christen in Österreich dazu bewegt, sich mit dem Thema "Gemeinsames Europa" aktiver auseinanderzusetzen und dabei die christliche Überzeugung nicht zu verstecken. Auch die Begegnung von Bischöfen mit Trägern politischer Verantwortung in Brüssel könne dazu Impulse geben.
Vor dem Hintergrund einer Entwicklung zu Egoismus und einem übertriebenen Individualismus brauche das Projekt der europäischen Integration spirituellen Schwung, sonst werde es nicht weit kommen, betonte Bischof Kapellari unter Verweis auf entsprechende Äußerungen des ehemaligen EU-Kommissions-Präsidenten Jacques Delors, der dabei besonders auch auf die Jugend setzt.
Bischof Kapellari: "Je stärker auch die Stimme des Evangeliums im oft wirren Konzert der öffentlichen Meinung hörbar bleibt, umso mehr Hoffnung haben wir für ein gemeinsames Europa, das im globalen Kontext eine gestaltende und in die Zukunft weisende Kraft sein kann. Europa ist bleibend vom Christentum geprägt, seine christlichen Wurzeln tragen und nähren auch heute trotz aller Säkularisierung millionenfach."
Über das jüdisch-christliche Erbe hinaus sei Europa auch durch die griechische Demokratie, die Reformation, die Aufklärung und den Einfluss der arabisch-islamischen Welt kulturell geformt worden, so Bischof Kapellari weiter. Die Frage nach einem friedlichen Miteinander verschiedener Kulturen und Religionen und nach gemeinsamen, tragenden Werten müsse im Mittelpunkt jeder Diskussion über die Zukunft Europas stehen. Das Ensemble solcher Werte könne nach seiner Überzeugung mit dem umstrittenen, aber im Kern kaum angreifbaren Begriff einer "Europäischen Leitkultur" bezeichnet werden.
Bewusste Christen dürften sich vom "Bauplatz Europa" auch dann nicht zurückziehen, wenn ihnen und ihrer Botschaft dort Gleichgültigkeit oder Ablehnung begegnen. Es bedürfe angesichts des Trends, die christliche Religion ins Private zu drängen, vieler durch starkes soziales Engagement glaubwürdiger und intelligent argumentierender Christen.
Trotz aller Probleme stehe er grundsätzlich voll hinter der Europäischen Union, hielt Bischof Kapellari fest: Die EU erweise sich trotz vieler Schwächen als sehr wichtiges Instrument für die Stabilität Europas inmitten globaler Veränderungen.
In diesem Zusammenhang begrüßte Kapellari als "Europa-Bischof" erneut die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die EU. Mit dieser Auszeichnung sei ein Dauerauftrag an die EU zur Stärkung und Sicherung des Friedens innerhalb Europas und weltweit verbunden. Die Europäische Union brauche dazu immer wieder auch eine Rückbesinnung auf die Friedensambitionen der christlich motivierten Väter der europäischen Einigung.
Ein Blick über die Grenzen der EU hinaus mache beklemmend deutlich, wie labil der Friede auch in Europa ist. Die EU dürfe dabei aber nicht nur auf Europa blicken, sondern habe eine globale Verantwortung für Friede als Ergebnis von Entwicklung zum Besseren. In diesem Zusammenhang dürfe man vor allem Afrika nicht vergessen.
Erst im vergangenen Juli wurde Bischof Kapellari für seine Verdienste um Europa mit dem "Mérite Européen in Gold" geehrt. Diese hohe Auszeichnung seitens der gleichnamigen luxemburgischen Stiftung "Mérite Européen - Verdienste um Europa" ehrt besondere Bemühungen um die Verbreitung des europäischen Einigungsgedankens und wird alljährlich an einige Persönlichkeiten verliehen.
