Druckansicht - Monday 20. May 2013

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Islamgesetz machte Österreich zum "Vorreiter für ganz Europa"

Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Sanac, in "Kathpress"-Interview: Stellung der Muslime in Österreich besser als in vielen islamisch geprägten Staaten - Terrorakte und Kriege zu Unrecht mit Islam assoziiert

28.06.2012

Wien (KAP) Das vor 100 Jahren in Kraft getretene Islamgesetz hat Österreich zum "Vorreiter für ganz Europa" gemacht. Das hat der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Fuat Sanac, in einem "Kathpress"-Interview anlässlich des am Freitag offiziell begangenen Jubiläums betont. Er hoffe, dass das "gute Modell" der staatlichen Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft in ganz Europa Nachahmer findet. Laut Sanac arbeite die IGGiÖ daran gemeinsam mit muslimischen Organisationen in anderen europäischen Ländern: "Die fragen uns, wie wir es geschafft haben, so viele muslimische Gruppierungen unter dem Dach der IGGiÖ zu vereinen, und holen sich Rat", sagte der seit 2011 amtierende IGGiÖ-Präsident.

 

Die Stellung der Muslime in Österreich bewertete Sanac als "sehr gut, besser als in vielen anderen Staaten" - auch in islamisch geprägten, wie er versicherte. Hierzulande könne man in Ruhe und Frieden leben. Auf die Frage, was der Grund für den öffentlichen Stimmungswandel sein könnte, der sich in Widerstand gegenüber Moscheebauprojekten niederschlägt, während das Islamische Zentrum in Wien-Floridsdorf vor 32 Jahren noch ohne entsprechende "Begleittöne" erfolgte, antwortete Sanac, Ereignisse wie Terrorakte oder Kriege würden zu Unrecht mit dem Islam in Verbindung gebracht. Terroristen gab und gibt es überall, verwies Sanac auf den Amoklauf von Anders Breivik in Norwegen, und auch das Christentum kenne im Namen der Religion geführte Kriege.

 

Militante Kritik an Moscheen übe nur eine kleine Minderheit, die Mehrheit der Österreicher hätte wohl nichts gegen Neubauten bei Einhaltung behördlicher Auflagen. "Aber derzeit gibt es so ein Projekt nicht", so Sanac. Angesprochen auf rechtspopulistisch geführte Wahlkämpfe, die zu Slogans wie "Daham statt Islam" führten, sagte der IGGiÖ-Präsident, er sei optimistisch, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt. Auch entsprechende FPÖ-Plakate in Innsbruck vom heurigen Frühjahr (hier lautete der Slogan "Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe") seien sehr rasch wieder entfernt worden. Das sei "Geschichte", aus der gelernt werde.

 

Religionen haben gemeinsames Ziel

 

Seitens der Kirchen habe er sich bei derlei Grenzüberschreitungen gut unterstützt gefühlt, sagte Sanac. Er betonte seine guten Kontakte zur katholischen wie auch zu anderen christlichen Kirchen in Österreich. Erst jüngst habe sich dieses konstruktive interreligiöse Klima in der Gründung einer Plattform der Kirchen und Religionsgesellschaften niedergeschlagen, auf der die staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften ihren Austausch und Zusammenarbeit über politische und rechtliche Themen verstärken wollen.

 

Die Religionen müssten zusammenarbeiten im Sinn der Harmonie unter den Menschen, betonte Sanac. Deren oberste Priorität sei der Friede; die Legitimierung von Krieg, Terrorismus oder Fundamentalismus hingegen widerspreche den Grundsätzen jeder Religion. Dies im Dialog klarzustellen sei Aufgabe der religiösen Repräsentanten, die eine Vorbildfunktion für die Menschen an der Basis hätten. Die IGGiÖ suche hier Einflussnahme von "oben" nach "unten": Auch auf regionaler Ebene sollten Muslime mit anderen Religionen und Kirchen zusammenarbeiten.

 

Demokratie und Menschenrechte sind "islamisch"

 

Auf die Frage nach der Kompatibilität des Islam mit der Demokratie erklärte Sanac, der Islam sei "die einzige Religion, die der Demokratie sehr nahesteht". Schon kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed seien die Kalifen gewählt worden, der Koran sehe einen Schura-Rat vor, auch ein "Madschlis" - eine Art Parlament - sei im Islam grundgelegt. Die erste Menschenrechtskonvention habe Mohammed bei seiner Abschiedspilgerfahrt nach Mekka kurz vor seinem Tod verkündet, sagte Sanac. Auch die Rechte von Frauen - die davor "wie eine Ware verkauft" wurden, habe der Prophet gestärkt.

 

Auf diesen Grundlagen müssten die Muslime aufbauen, auch wenn sie das in der Geschichte "nicht immer gemacht" hätten, wie Sanac im Blick auf "sündige Kalifen" einräumte.

 

Dem Einwand, dass demokratische Staatsformen in muslimisch geprägten Ländern derzeit so gut wie nirgendwo vorkommen, begegnete Sanac mit dem Hinweis auf den europäischen Kolonialismus: "Warum sind islamische Diktatoren in ihren Ländern an die Macht gekommen?" Seine Antwort: Kolonialmächte wie England und Frankreich hätten bestimmte Clans und Familien an die Macht gebracht und dort mit westlichen Waffen gegen das Volk gehalten. Den "arabischen Frühling" betrachtet Sanac daher auch als Widerstand gegen diese geschichtlichen Bürden.

 

Das Verhältnis von Religion und Staat will der IGGiÖ-Präsident nicht nach dem Muster der französischen Laicité gestaltet wissen, die Religion aus dem öffentlichen Leben vertreiben wolle; es gebe auch Säkularisierung in dem Sinn, dass Staat und Religionen ihre je eigenen Aufgabenbereiche haben und miteinander kooperieren. In Österreich hätten Staat und Religionsgemeinschaften "die Aufgaben unter sich verteilt", sie "kontrollieren und helfen einander". Auch in dieser Hinsicht ist Österreich für Sanac ein Vorbild.

 

Für die Zukunft der Muslime in Österreich hält es der oberste Repräsentant der heimischen Muslime für entscheidend, dass sich diese hier beheimatet fühlen. Die erste Generation muslimischer Zuwanderer habe "schuften müssen statt lernen zu können" und dabei auch Angst gehabt, ihre kulturellen Wurzeln zu verlieren. Die zweite Generation sei hierzulande mehr verwurzelt, habe die Sprache, Geschichte, Kultur Österreichs gelernt, viele würden studieren - "nicht genug, aber immerhin". "Wir sind auf dem richtigen Weg", befand Sanac, aber es werde wohl noch ein paar Jahre dauern, bis Muslime auch engagierte Politikerinnen und Politiker und andere Repräsentanten im öffentlichen Leben stellen. "Das müssen sie sich aber verdienen, das kann man nicht schenken", so Sanac.

 

 

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