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Olympia und die Religion

Im antiken Olympia waren religiöse Zeremonien und Sport untrennbar verbunden - Auch der Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, griff auf den religiösen Aspekt der antiken Wettkämpfe zurück - "Kathpress"-Hintergrundbericht von Georg Pulling

12.07.2012

Wien (KAP) Für Ochsen waren die Olympischen Spiele im antiken Griechenland keine gute Zeit. Hundert Stück wurden jedes Mal am dritten Tag der Wettkämpfe zu Ehren des Gottes Zeus geschlachtet. Das blutige Spektakel verweist auf den Ursprung der Spiele: Schon die Pelasger, die Ureinwohner Griechenlands, veranstalteten zu Ehren der Götter Wettkämpfe und religiöse Zeremonien, die mitunter auch blutig endeten und sogar Menschenopfer beinhalteten.

Religiöse Wettkämpfe zu Ehren der Götter waren aber nicht auf Olympia beschränkt, sondern fanden in vielen Teilen Griechenlands regelmäßig statt. Keine guten Aussichten also im ganzen Land für Ochsen. Aufatmen durften diese erst 393 n. Chr: Die 293. Olympischen Spiele waren zugleich die letzten der Antike. Kaiser Theodosius hatte im Jahr davor ein Edikt erlassen, mit dem alle heidnischen Kulte verboten wurden. Und das betraf auch die Wettkämpfe in Olympia. Der letzte Beweis dafür, dass Sport und Religion bei den Spielen der Antike untrennbar miteinander verbunden waren.

Neustart im Zeichen der Völkerverständigung

Der Gründer der Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin (1863-1937), griff bewusst auf den religiösen Aspekt der antiken Wettkämpfe zurück, wenn auch in abgewandelter Form. Coubertin wollte bei Sportlern und Zusehern ein religiöses Empfinden wiedererwecken, verfolgte mit seiner olympischen Bewegung aber doch nur ein humanistisch-ethisches Ziel: Völkerverständigung und menschliche Vervollkommnung. Irdische Anliegen, die der Baron durch die kultische Ausgestaltung des Zeremoniells religiös überhöhen wollte.

Den verschiedenen Zeremonien, die bewusst an kultischen Handlungen orientiert waren, widmete Coubertin viel Aufmerksamkeit: Bis heute ziehen die Teilnehmer in einer feierlichen Prozession ins Stadion ein, wo sie dann (seit 1920) den gemeinschaftlichen Eid sprechen. Das Staatsoberhaupt des Gastgeberlandes eröffnet die Spiele mit einem im Wortlaut genau festgelegten Spruch.

Der olympische Fackellauf, mit dem bereits im antiken Athen alle religiösen Feiern eingeleitet wurden, wurde schließlich bei den vom deutschen NS-Regime propagandistisch instrumentalisierten Spielen 1936 in Berlin wieder eingeführt. Seit damals brennt übrigens auch das olympische Feuer über den Wettkampfstätten.

Gottesdienst bei Eröffnungsfeier

Auch die Frage, ob ein Gottesdienst in den Rahmen der Eröffnungsfeier passte, beschäftigte Baron de Coubertin für viele Jahre. 1912 bei den Spielen in Stockholm wagte er schließlich das Experiment: ein einfacher Psalm, ein Gebet auf Schwedisch, ein Gebet auf Englisch - und fertig. Keine zehn Minuten dauerte dieser "Gottesdienst".

Coubertin war sich im Anschluss nicht sicher, ob er das rechte Maß gefunden hatte. In seinen Erinnerungen schrieb er später: "Wenn wir wie in Stockholm den Beginn der Wettbewerbe durch einen öffentlichen Gottesdienst begannen, zwangen wir die Athleten, daran teilzunehmen. Es waren aber zum Teil reife Männer, denen das missfallen konnte. Das ganze dauerte zehn Minuten, aber es lag etwas Erhabenes in dem tiefen Schweigen dieser Tausenden von Zusehern und Athleten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir unsere Rechte überschritten."

Zukünftig blieb es dem jeweiligen Veranstalter überlassen, eine kurze religiöse Feier von maximal drei Minuten abzuhalten. In den offiziellen olympischen Statuten war hierfür ein Platz unmittelbar vor der Eidesleistung der Athleten vorgesehen. Seit 1980 fehlt aber ein derartiger Hinweis in der Olympischen Charta.

In engem Kontakt stand der Baron mit dem Dominikanerpater Henri Didon. Dieser war Leiter eines Internats und hielt im Jahr 1891 vor seinen Schülern eine Rede im Hinblick auf den sportlichen Wettkampf. Dabei fielen auch die berühmten Worte "schneller, höher, weiter" - "citius, altius, fortius". Coubertin befand sich damals unter den Zuhörern, die drei Worte ließen ihn nicht mehr los. Beim Gründungskongress des Internationalen Olympischen Komitees 1894 in Paris wurden sie schließlich zur Devise der Spiele erkoren. P. Didon durfte schließlich als einer der Ehrengäste den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen beiwohnen.

"Friedenswallfahrt" ins Stadion

Mehr als 100 Jahre später lautet die Devise mehr denn je "schneller, höher, stärker". Von der religiösen Überhöhung, die Baron de Coubertin so sehr vorantrieb, ist allerdings nicht mehr viel zu spüren. Das bestätigt auch der österreichische Olympia-Kaplan P. Bernhard Maier. Seit 1984 ist er bei den Olympischen Spielen mit dabei, sucht das Gespräch mit den Athleten, feiert mit ihnen Gottesdienst und steht für alle seelsorglichen Belange zur Verfügung.

Die Zeremonien seien zwar schön und mitreißend, so P. Maier, religiöse Erfahrungen mache man dabei aber keine mehr. Der Salesianerpater sieht eine seiner Aufgaben darin, Sportlern dabei zu helfen, ihre Erlebnisse auch religiös zu deuten. So gehört zum Sieg immer auch eine gehörige Portion Glück, weiß Maier zu berichten: "Der Athlet kann darüber nicht verfügen. Es wird ihm geschenkt und dieser Geschenkcharakter verweist immer auch auf eine religiöse Dimension."

Einer der Höhepunkte der Spiele sei immer auch der Einzug der Nationen bei der Eröffnungsfeier, so P. Maier. Dem bibelfesten Seelsorger kommt dabei die Verheißung der alttestamentlichen Propheten von der Völkerwallfahrt nach Jerusalem und dem verheißenen Reich des Friedens in den Sinn: "Wenn 200 Nationen einmarschieren, sind im Stadion praktisch alle Völker der Welt versammelt", und die Eröffnungszeremonie bekommt den Charakter einer Friedenswallfahrt.

So weit wollte Coubertin gar nicht gehen. Ihm war klar, dass die Idee des Olympischen Friedens nicht ausreichen würde, um internationale Konflikte zu überwinden. Er wollte aber zumindest mit seinen völkerverbindenden Spielen die "gegenseitige Achtung" stärken. Mehr als 10.000 Sportler und Millionen von Zusehern haben dazu in den kommenden Wochen in London Gelegenheit.

 

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