Inhalt:
Wien (KAP) Vier Erwachsene wird Kardinal Christoph Schönborn in der kommenden Osternacht im Wiener Stephansdom taufen. Die zwei Frauen und zwei Männer stehen stellvertretend für einen seit längerem zu beobachtenden Trend in der Kirche: Immer mehr Menschen in Österreich und in anderen Ländern Mittel- und Westeuropas finden erst als Erwachsene den Weg zum christlichen Glauben. Österreichweit dürften heuer laut Schätzungen etwa 300 Menschen das Taufsakrament empfangen, die älter als 14 Jahre sind. Der Großteil von ihnen wird traditionell in der Osternacht getauft. Die sinkende Zahl bei Säuglingstaufen, aber auch Migrationsbewegungen bilden den Hintergrund für die langfristige deutliche Zunahme der Erwachsenentaufen im vergangenen Jahrzehnt.
Allein in der Erzdiözese Wien gibt es rund um Ostern rund 100 Erwachsenentaufen, berichtete die Wiener Erwachsenenkatechumenats-Verantwortliche Friederike Dostal im "Kathpress"-Gespräch. Der Großteil der neuen Katholiken ist 30 Jahre alt oder jünger, ihre Herkunft "bunt gemischt". Vertreten sind sowohl Kandidaten, die aus anderen Religionen konvertieren wollen, aber auch Menschen aus areligiöser oder antireligiöser Umgebung, die keinen familiären oder gesellschaftlichen Bezug zu Religion hatten. Andere sind bereits seit längerem mit einem katholischen Partner verheiratet und haben an dessen Seite die katholische Kirche entdeckt. Im sogenannten "Katechumenat", einem mehrstufigen Weg, auf dem sie den Glauben, das Leben der Kirche und einen christlichen Lebensstil kennenlernen, werden sie auf ihre Taufe vorbereitet.
Gemessen an der österreichweiten Gesamtzahl der Taufen - knapp 50.000 Menschen empfingen zuletzt jährlich das Sakrament - ist die Zahl der Erwachsenentaufen derzeit noch relativ klein. Schon jetzt könnte die Zahl aber deutlich höher sein, würden Pfarrgemeinden wie auch die einzelnen katholischen Gläubigen "missionarischer" sein, also etwa in Alltagssituationen mehr über ihren eigenen Glauben reden, ist Dostal überzeugt. "Es gibt sehr viel mehr Menschen, die an unserem Glauben Interesse haben, als wir denken", will die Theologin wachrütteln.
Sie beobachtet eine "Berührungsscheu" in der Kirche gegenüber Menschen, die sich neu für den katholischen Glauben interessieren. "Es ist zu wenig im Bewusstsein, dass die Leute auf der Suche sind oder einfach nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen", erklärt Dostal. Sie hofft, dass Pfarren aber auch einzelne Gläubige diesen Menschen gegenüber "offener sind, positiv auf sie zugehen und zuhören, wenn sie Fragen über den Glauben stellen".
"Nicht Mehrarbeit, sondern Chance"
Dostals Beobachtungen werden auch vom Leiter des Österreichischen Pastoralinstituts, Walter Krieger, geteilt. In Österreich würden im Vergleich zu anderen Ländern immer noch sehr viele Menschen in ihrer Kindheit getauft, erklärt er auf "Kathpress"-Anfrage. In vielen Pfarren gebe es daher überhaupt kein Bewusstsein für das Thema "Erwachsenentaufe".
Erwachsenentaufen würden zu oft nur als "Mehrarbeit für Pfarrer" betrachtet, bedauert Krieger. Dabei sei die Vorbereitungszeit mit den neu zu Taufenden für alle Gläubigen in einer Gemeinde "eine Chance, das eigene Christsein wieder neu zu entdecken", so Krieger. "Man kann entdecken, welch hohen Wert die Taufe hat und dass andere Menschen viel in Kauf nehmen, um dieses Geschenk zu bekommen." So sei etwa in einer Wiener Pfarre aus der Vorbereitungszeit mit zwei Katechumenen eine neue Bibelrunde mit Pfarrmitgliedern entstanden.
Der Anstieg der Zahl der Erwachsenentaufen führte seit den 1960er Jahren zu einer langsamen Wiederentdeckung des Katechumenats, der frühkirchlichen Praxis der langdauernden, ganzheitlichen und durch Riten vertieften Einführung in den Glauben. Ihren Ausgang nahm diese Neuentdeckung in Frankreich, nach Österreich kam das "französisch-europäische" Katechumenatsmodell erst 1995. Das Österreichische Pastoralinstituts ist seit damals in diesem Bereich aktiv. Vor elf Jahren erstellte das Institut auch einen Leitfaden. Für Interessierte gibt es eigene Kontaktpersonen in allen Diözesen.
Information: www.eintreten.at
