Druckansicht - Sunday 19. May 2013

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Das Leid in der Welt: eine radikale Anfrage an den Glauben

Lässt sich Gott angesichts des Leids in der Welt rechtfertigen? Ist die "Theodizee-Frage" tatsächlich der "Fels des Atheismus" oder nicht eher Anstoß des Glaubens?

27.03.2012

Wien (KAP) Georg Büchner bezeichnete sie als "Fels des Atheismus": die Frage, die der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) in den Terminus "Theodizee" gegossen hat und die bis heute die Theologie unablässig herausfordert. Es ist die Frage nach der Rechtfertigung des Glaubens an Gott angesichts des Übermaßes an Leid in der Welt. Ein allmächtiger Gott hätte per definitionem die Macht, Leid zu verhindern; ein gütiger Gott würde Leid verhindern wollen. Da es aber unaussprechliches Leid gibt, scheint kein allmächtiger und gütiger Gott zu existieren - so lautet eine populäre Zuspitzung jener Dilemma-Situation, in der sich die Theologie bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Gott und Leiden befindet. Wie antwortet sie darauf?

 

Naheliegend wäre die Antwort, Gott eines der ihm zugeschriebenen Attribute abzusprechen - etwa seine Allmacht. Das Problem: Wenn man Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde bekennt, wird eine Absage an dessen Allmacht zumindest schwierig argumentierbar. Gleiches gilt für eine Absage an die Güte Gottes - ein moralisch ambivalenter Gott wäre wohl nicht mehr mit jenem Gott vereinbar, den Jesus Vater nannte. Systematisch lassen sich zur Lösung dieses Dilemmas folgende Wege bzw. Lösungsvorschläge unterscheiden.

 

Das traditionelle Argument sieht vor, eine zusätzliche Prämisse in die Theodizee-Problematik einzubauen, um so einer atheistischen Schlussfolgerung und also Absage an jeden Gottesglauben zu entgehen. Diese Prämisse besagt, dass Gott die Welt unmöglich in dem Zustand erschaffen haben konnte, in dem wir sie heute vorfinden, anders gesagt: Die Schöpfung ist ursprünglich gut und leidfrei gewesen, dieser paradiesische Urzustand ist jedoch durch den Sündenfall, durch die Sündhaftigkeit des Menschen, gestört worden.

 

Gestützt wird dieses Argument theologisch mit der Erbsündenlehre, die erstmals Augustinus (354-430) formulierte. In seinem Werk "Vom Gottesstaat" schreibt er: "Gott, der Urheber der Naturen, (...) hat den Menschen wohl gut erschaffen, doch der, durch eigene Schuld verderbt und dafür von Gott gerecht verdammt, hat verderbte und verdammte Nachkommen erzeugt." Der Einwand liegt auf der Hand: Kann es wirklich gerecht sein, dass die Nachkommen aufgrund der Sünden ihrer Vorfahren weiterhin bestraft werden?

 

Die "Lösung der Unlösbarkeit"

 

Daneben wird auch das Argument der Unlösbarkeit des Theodizee-Problems diskutiert. Es war Karl Rahner, der in seinem Text "Warum lässt uns Gott leiden?" formulierte, dass die "Unbegreiflichkeit des Leides" zu einem "Stück der Unbegreiflichkeit Gottes" gehört. Das Argument basiert auf der Idee der Temporalisierung des Theodizee-Problems, anders gesagt: Es ist an Gott selbst, sich am Ende der Zeit zu rechtfertigen.

 

Dieses Argument gilt zwar auf der einen Seite als sehr aufrichtig, auf der anderen Seite jedoch steht es stets unter dem Verdacht, das Problem schlichtweg zu verschieben. Hinzu komme die Gefahr, dass die Rede von der "Unlösbarkeit" zugleich den atheistisch gestimmten Gemütern entgegenkomme.

 

Das Argument der Willensfreiheit

 

Breite Resonanz im theologischen Diskurs findet hingegen das Argument der Willensfreiheit. Dieses Argument gibt - ebenfalls mit Augustinus - auf die Frage, was wohl einen allmächtigen und gütigen Gott dazu bewogen haben könnte, die Welt in dieser - leidensvollen - Konstitution geschaffen zu haben, die genial einfache Antwort: der Wert der menschlichen Willensfreiheit.

 

Daran knüpfe auch das moderne Argument der Willensfreiheit in der Philosophie an, die sogenannte "free will defense". Dieses Argument lässt sich formal wie folgt rekonstruieren: 1. Ausgangspunkt ist die Behauptung, dass Menschen über Willensfreiheit verfügen und zumindest manchmal frei entscheiden bzw. handeln. 2. In einem nächsten Schritt wird die Existenz der Willensfreiheit als eminent hoher Wert behauptet. Die Entstehung von Moralität und Personalität ist eng an die Existenz der Willensfreiheit geknüpft. 3. Mit der Willensfreiheit geht nun die Möglichkeit ihres sündhaften Missbrauchs einher, d.h. die Möglichkeit des moralischen Übels. 4. Selbst ein allmächtiger Gott kann keine Welt mit freien Wesen erschaffen und deren Handlungen durchgängig kontrollieren, denn eine Person handelt eben nur dann frei, wenn sie selbst der Urheber ihrer Handlungen ist. 5. Das Argument der Willensfreiheit läuft dann schließlich darauf hinaus, dass die Werthaftigkeit der Willensfreiheit die Zulassung der moralischen Übel durch Gott rechtfertigt.

 

Die größte Schwäche dieses Arguments liegt im Problem der natürlichen Übel, d.h. in Naturkatastrophen, Unfällen etc. Diese würden in ihrer Katastrophalität durch das Argument schlichtweg nicht erfasst. Außerdem wären Willensfreiheit, Personalität, Moralität und Verantwortlichkeit schließlich auch in einer leidfreien Gesellschaft denkbar. Dagegen kann man theologischerseits wiederum geltend machen, dass die Vorstellung einer paradiesischen Welt wenig zielführend sei, da in ihr Tugenden wie Mitgefühl, Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Solidarität letztlich sinnlos würden.

 

Der mitleidende Gott

 

Die jüngere Theologiegeschichte hat darüber hinaus ein weiteres Argument hervorgebracht, dass auf eine "Mitleidenschaft" Gottes setzt. Entwickelt wurde dies etwa vom evangelischen Theologen Jürgen Moltmann ("Der gekreuzigte Gott"). Das Argument setzt bei der Christologie an, insofern der Kreuzestod Christi als Ausdruck des von Gott bewusst in Kauf genommenen Risikos des Menschseins verstanden wird. Das Kreuz stellt sich in diesem Zusammenhang gerade nicht als ein Symbol des Sieges Gottes dar, sondern als Symbol der tiefen Solidarisierung Gottes mit der in Leiden verstrickten Geschichte des Menschen.

 

 

 

 

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