Druckansicht - Wednesday 22. February 2012

Inhalt:

Kirchenreform: Gemeinsame Sorgen, verschiedene Lösungsansätze

Dogmatiker Prof. Tück und Pfarrerinitiative-Obmann Schüller debattierten bei Jahresversammlung der Liturgiewissenschaftlichen Gesellschaft Klosterneuburg

27.01.2012

Wien (KAP) Die Kirche befindet sich in einem kritischen Zustand, Reformen sind dringend notwendig: Darin waren sich der Wiener Dogmatiker Prof. Jan Heiner Tück und der Obmann der Pfarrer-Initiative, Helmut Schüller, bei einer Diskussion im Stift Klosterneuburg einig. Zu konkreten Reformschritten gingen die Meinungen dann aber doch auseinander.

 

Prof. Tück kritisierte, dass durch den "Aufruf zum Ungehorsam" der Pfarrerinitiative zumindest ein "Riss" durch die Kirche entstanden sei: "Das geht zu weit", so Tück wörtlich. Zugleich mahnte der Dogmatiker aber auch ein offenes Ohr der Bischöfe für die Anliegen der Kirchenbasis ein.

 

Schüller konterte, dass sich die Pfarrerinitiative nach langen Überlegungen für den "Ungehorsams"-Begriff entschieden habe. Vieles geschehe bereits in der pastoralen Arbeit in großer Diskrepanz zur Kirchenordnung. Das wollte man aufzeigen und nicht weiterhin das Wirken in mehr oder weniger heimlichen pastoralen "Nischen" propagieren. Letzteres sei zudem sehr unsolidarisch, hänge es dann doch immer von der konkreten Pfarre und dem konkreten Pfarrer ab, wie die Seelsorge in der Praxis ausgeübt wird, so Schüller.

 

Die Kirchenleitungen müssten sich nach Ansicht des Obmanns der Pfarrerinitiative die Frage stellen, "wie sie die bestehenden Gemeinden unterstützten könnten anstatt zu überlegen, ob sie diese überhaupt noch braucht". Auch dort, wo die christliche Kerngemeinde kleiner wird, gebe es viele Menschen in einem weiteren konzentrischen Kreis um die Kirche herum, die angesprochen werden können und wollen, so Schüller: "Wir brauchen nicht weniger sondern noch viel mehr Gemeinden, um näher bei den Menschen zu sein."

 

Dabei gehe es ihm aber nicht um die Etablierung eines großen Verwaltungsapparates. Diesen könne man sehr schlank halten, gerade auch durch Zusammenarbeit und Zusammenlegungen von Verwaltungseinheiten. Es brauche aber die Grundvollzüge der Kirche - Verkündigung, Liturgie und Diakonie - am Ort.

 

Einen Anknüpfungspunkt für weitere Überlegungen sah Tück im "gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen", das vom Konzil in den Mittelpunkt gestellt wurde. Die Kirche sei vor allem deshalb in der Krise, weil eine große schweigende Mehrheit zu wenig Zeugnis von ihrem Glauben gebe, sagte der Theologe.

 

Fehlender theologischer Feinschliff

 

Zentrales Anliegen der Pfarrerinitiative sei die Eucharistiefeier am Ort in den Gemeinden, sagte Schüller. Es gehe nicht um eine "Kommunionversorgung" der Gläubigen, diese ließe sich auch anders bewerkstelligen. Die Eucharistie sei vielmehr die zentrale Feier, die die christliche Gemeinde immer wieder aufs Neue aufbaut, so der Pfarrer. Nun sei die Situation aber paradox: "Die Gemeinde ist da, aber der Vorsteher fehlt, den es zur Feier braucht."

 

Zum vielfach kritisierten Begriff der "priesterlosen Eucharistie", den die Pfarrerinitiative in ihrem Forderungskatalog verwendet, räumte Schüller ein, dass dieser etwas "ungehobelt" und von "keinem theologischen Feinschliff" sei. Er sei durchaus provokant gemeint, von Anfang an aber auch immer unter Anführungszeichen gesetzt gewesen. Man wolle damit die große Ernsthaftigkeit des Problemes aufzeigen.

 

Zur Erklärung der Pfarrerinitiative, sich dafür einsetzen, dass jede Pfarre einen eigenen Vorsteher hat, entgegnete Tück, dass sich diese dabei sicher nicht auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen könnten, wenn sie die bischöfliche Ordination umgehen wollten. Schüller replizierte, er erwarte sich entsprechende Konzepte von der Kirchenleitung.

 

Zölibat und "viri probati"

 

Zum Pflichtzölibat erinnerte Tück, dass dieser auf dem Zweiten Laterankonzil 1139 eingeführt worden sei: "Damals gab es gute Gründe dafür. Jetzt muss man nachdenken, ob es nicht auch gute Gründe für eine Änderung der Bestimmungen gibt." Anknüpfungspunkte könnte man bei der orthodoxen oder anglikanischen Kirche nehmen. Zu dieser Frage habe u.a. schon 1970 Joseph Ratzinger in einem Memorandum Anstöße gegeben. Selbiges gelte für die immer wieder gestellten Forderung nach der Zulassung von bewährten verheirateten Männern ("viri probati") zum Priesteramt.

 

Zur Ankündigung der Pfarrerinitiative, Mehrfachzelebrationen an Sonn- und Feiertagen möglichst zu vermeiden, merkte Tück kritisch an, dass die Mitglieder der Initiative den Priestermangel damit noch bewusst verstärken würden. Schüller wies hingegen auf die Sorge um eine würdige Messfeier hin.

 

Die Diskussion wurde vom "Pius-Parsch-Institut" gemeinsam mit dem Bildungswerk der Erzdiözese Wien veranstaltet und fand im Rahmen der Jahresversammlung der Liturgiewissenschaftlichen Gesellschaft Klosterneuburg statt. Man wolle damit einen Beitrag zur Frage leisten, ob die Erneuerungsanliegen der Pfarrerinitiative mit ihren Auswirkungen auf die Liturgie der Gemeinden in der großen Linie und im Geist der Liturgischen Bewegung von Pius Parsch sowie der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils liegen, so Andreas Redtenbacher, Leiter des Institus.

 

Teilen |

Zusatzinhalt:

unknown
unknown
unknown
unknown

Zeit der Buße, Reinigung und Umkehr

Kathpress-Themenpaket mit Informationen und Wissenswertem zur Fastenzeit


Neue Forschungen zu Pius XI. und Österreich

Wiener Kirchenhistoriker legt neue Erkenntnisse zur Rolle von Pius XI. bei den politischen Vorgängen in Österreich 1933/34 vor


Selige Hildegard Burjan

Kathpress-Themenpaket zur Seligsprechung von Hildegard Burjan am 29. Jänner

Vatikanischer "Ökumene-Minister" Kardinal Koch im Kathpress-Interview zum Stand der Ökumene.

» mehr

© 1947-2012 by KATHweb: ein elektronischer Informationsdienst der Österreichischen Katholischen
Presseagentur KATHPRESS. Alle Rechte vorbehalten.
© 1947-2012 by KATHweb: ein elektronischer Informationsdienst der Österreichischen Katholischen
Presseagentur KATHPRESS. Alle Rechte vorbehalten.