Inhalt:
Vatikanstadt, 27.01.2012 (KAP) Papst Benedikt XVI. hat vor der Vollversammlung der Glaubenskongregation dazu aufgerufen, strittigen Themen im ökumenischen Gespräch nicht auszuweichen. Es bestehe heute oft die Tendenz, die Frage nach der Wahrheit des Glaubens auszublenden, sagte der Papst am Freitag vor den Kongregationsmitgliedern, darunter Präfekt Kardinal William Levada und Kardinal Christoph Schönborn.
Das Ausweichverhalten sei Ergebnis einer falsch verstandenen Friedfertigkeit sowie der verbreiteten Auffassung, dass der Mensch die Wahrheit ohnehin nicht erkennen könne. Auch die kontroversen Fragen müssten jedoch "im Geiste der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Respekts" zur Sprache gebracht werden. Hierbei müsse der Glaube im Zentrum stehen. Andernfalls reduziere sich die gesamte ökumenische Bewegung auf "eine Art Gesellschaftsvertrag" und der Glaube verkomme zum bloßen Moralismus.
Als "neue Herausforderung auf dem ökumenischen Weg" bezeichnete der Papst die unterschiedlichen Positionen der christlichen Kirchen zur grundlegenden ethischen Fragen. Die Kirchen müssten sich zu Themenfeldern wie etwa Lebensschutz, Familie, Sexualität und Bioethik mit "einer Stimme" äußern, forderte er.
Zugleich wandte sich Benedikt XVI. gegen eine Überbewertung ökumenischer Arbeitspapiere. Die von Kommissionen und anderen Gremien erstellten Dokumente seien zwar von großer Bedeutung und dürften nicht ignoriert werden. Es müsse jedoch stets klar sein, dass es sich nur um vorläufige Beiträge handle. Ihre abschließende Bewertung obliege allein den zuständigen kirchlichen Autoritäten, hob er hervor.
Der Papst forderte die rechte Einstufung der Papiere. Ihnen von vorneherein eine maßgebliche Bedeutung beizumessen, "wäre auf dem Weg zu einer vollständigen Einheit im Glauben nicht hilfreich".
Das "entscheidendes Problem" im ökumenischen Gespräch ist nach den Worten von Benedikt XVI. die Frage nach der "Struktur der christlichen Offenbarung". Es müsse geklärt werden, in welchem Verhältnis Bibel, lebendige kirchliche Tradition und kirchliches Lehramt zueinander stünden. Von entscheidender Bedeutung sei hierbei der Unterschied zwischen Tradition und Traditionen.
Auch unter dem Dach einer Kirche könne es durchaus unterschiedliche Traditionen geben, erinnerte er. Dies zeige etwa der Übertritt ehemaliger Anglikaner zur katholischen Kirche. Diese hätten in einer besonderen Kirchenstruktur jene spirituellen, liturgischen und pastoralen Traditionen beibehalten, die im Einklang mit der katholische Lehre stünden.

